, , ,

Drei Formen des gewaltfreien Widerstands

Опубликовано: 

Wir veröffentlichen Auszüge aus den Essays von drei Preisträgerinnen und Preisträgern des historischen Wettbewerbs 2025 „Der Mensch in der Geschichte. Kultureller Widerstand“ für Lernende des Russischen als Fremdsprache.

Vor allen Autorinnen und Autoren stand dieselbe Aufgabe: die Geschichte eines Helden oder einer Heldin zu erzählen, die aus ihrer Sicht als Beispiel einer für sie wichtigen Form des gewaltfreien Widerstands gegen die Diktatur dienen könnte. Jede und jeder wählte dabei einen eigenen, unabhängigen thematischen Zugang: Chloé schrieb über Literatur, David über LGBTQ+, Leona über den sowjetischen Schwarzmarkt. Auch die Herangehensweise an die Suche nach einer geeigneten Figur unterschied sich deutlich. Chloé entschied sich für den bekannten albanischen Schriftsteller Ismail Kadare, David für eine Bekannte, deren Namen er aus Sicherheitsgründen hinter einem Pseudonym verbarg, während Leona ihre Geschichte vollständig erfand.

Chloé Defries und Ismail Kadare

Ursprünglich interessierte mich Albanien, weil es das einzige europäische Land war, das sich ohne die Unterstützung der Alliierten von der faschistischen Besatzung befreite – dank der Stärke seiner kommunistischen Bewegung unter der Führung des späteren Diktators Enver Hoxha. Ich habe mich entschieden, über den albanischen Intellektuellen und Schriftsteller Ismail Kadare zu schreiben.

In seinen Werken verwendete Kadare häufig Satire und Allegorie, wobei er seine Kritik am Regime so tief versteckte, dass sie der staatlichen Zensur entging. So verweist er  beispielsweise auf das Osmanische Reich, um dessen Ähnlichkeiten mit dem Staat unter Hoxha hervorzuheben – er zeigt Parallelen zwischen den beiden, in dem er vergangene und gegenwärtige Tyranneien verbindet. Diese Form des kulturellen Widerstands ermöglichte es ihm, die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf die Notlage Albaniens zu richten, und ich glaube, dass sie einen Einfluss auf die Zukunft des Landes hatte.

Es ist merkwürdig, dass der Status Kadares als Held des kulturellen Widerstand umstritten ist. Dreißig Jahre lang lebte er in Albanien unter dem Regime von Hoxha und genoss staatliche Privilegien, während viele seiner Schriftstellerkolleg:innen brutal verfolgt wurden. Schließlich floh Kadare nach Frankreich, aus Angst um sein Leben, und rief von dort aus Hoxhas Nachfolger, Ramiz Alia, zur Demokratisierung Albaniens auf. In den letzten Jahren wurde Kadare unter Hoxha rund um die Uhr von der Polizei überwacht, was auf ein wachsendes Misstrauen des Regimes ihm gegenüber hindeutet. Die Ironie bestand darin, dass die albanische Regierung ihn verdächtigte, subversiv zu sein,
während linke Intellektuelle im Westen ihn für einen Unterstützer von Hoxhas Regime hielten. Offener Widerspruch gegen Hoxhas stalinistische Herrschaft war im Land nicht möglich –Kadares Vorsicht war ein Mittel des Überlebens <…>

Um seine Bücher im Ausland veröffentlichen zu können, arbeite Kadare sehr aktiv mit den Übersetzern zusammen, da er sich der Sprachbarriere und der Entfernung bewusst war, die ihn von einer internationalen Leserschaft trennten. Die französische Veröffentlichung seines berühmtesten Romans «Der General der toten Armee» markierte 1970 seinen internationalen Durchbruch und ist bis heute vor allem in Frankreich bekannt. Dieser Roman entlarvt den Mythos vom sogenannten «Nationalheldentum» der Albaner und verzichtet auf kommunistische Propaganda – Kadare zeichnet ein kaltes, absurdes Albanien, das in krassem Gegensatz zu der idealisierten Welt steht, die in der Staatsliteratur dargestellt wird.

«Ich habe Ismail Kadare wegen der Widersprüchlichkeit seiner Rolle in dem, was wir als «kulturellen Widerstand» bezeichnen, ausgewählt. Einige betrachteten und betrachten ihn als einen der Anführer des albanischen Protests – man kann jedoch ebenso gut behaupten, dass er praktisch keinen direkten Widerstand gegen das Regime von Hoxha geleistet hat. Diese Widersprüchlichkeit macht ihn zu einer besonders interessanten Wahl und stellt nicht nur das Etikett «Held des kulturellen Widerstands» selbst infrage, sondern wirft auch die Überlegung auf, wie weit ein Künstler gehen muss, um als solcher gelten zu können.

Ich halte Kadares Beispiel für sehr aktuell. Er war erstaunlich standhaft: Trotz der Verurteilung und des Verbots seiner Werke lebte er weiterhin in Albanien und schrieb, ohne sich von irgendjemandem vorschreiben zu lassen, was er zu sagen hatte. Angesichts der aktuellen Konflikte und Unsicherheiten in der Welt ist diese stille Standhaftigkeit wichtiger denn je, denn sie erinnert an die Kraft und Hoffnung, die Menschen in der Kunst finden können».

David Hildebrand und Mascha

In autoritären Staaten wie Russland ist Kultur nie nur Ausdruck von Identität und Kunst, sondern ein Kampf. Denn wenn Worte gefährlich werden und Liebe kriminalisiert wird, beginnt Widerstand nicht erst mit öffentlichen Protesten, sondern viel früher und simpler. Kultureller Widerstand in autoritären Regimen äußert sich in alltäglichen Momenten des Ungehorsams. Das Hören verbotener Musik, das Lesen eines verbannten Buchs oder wie in unserem Beispiel die Umarmung zweier Frauen vor der eigenen Haustür, wird so zu einem politischen Akt. Russland ist ein Land, das durch seine Geschichte, bis heute von Zensur und Diktatur geprägt ist. Besonders die jüngsten Nachrichten, wie der Krieg in der Ukraine oder — noch wichtiger für dieses Essay — das gesellschaftliche Verbot von Homosexualität in der Öffentlichkeit auf Grund des Gesetzes „gegen homosexuelle Propaganda“, haben in Russland für viele Menschen eine Atmosphäre der Angst geschaffen, mit dem Ergebnis, dass es für viele Menschen kein freier Ort mehr ist. Vor allem nicht für diejenigen, deren Identität außerhalb der staatlich verordneten Norm liegt. <…>

Aufgewachsen ist Mascha in Kasan. Sie beschreibt ihre Kindheit als ruhig. Damals teilte sie selbst die Ablehnung gegenüber Homosexualität. Das änderte sich erst, als sie begann, anders zu empfinden. Für sie war es nicht möglich mit jemandem über ihren inneren Kampf den sie durchmachen musste, zu sprechen.

«Die Gesellschaft einem zeigt, wie man sich bereits von einem jungen Alter an anzupassen hat. Und man lernt, nach diesen Regeln zu leben».

Sie erzählt von einem Jungen in ihrer Klasse, der wegen seiner Sexualität Opfer von Hass wurde, was ihr früh verdeutlicht hat, wie wichtig es für ihre eigene Sicherheit ist, Gefühle zu unterdrücken und geheim zu halten. Erst später, nach ihrem Coming-out, veränderte sich die Situation für sie. Sie beschreibt, wie Männer sie sexuell belästigten und immer wieder nach Sex mit einer weiteren Frau gefragt haben, weil sie davon sexuell erregt werden. Ein Ergebnis aus Ignoranz, Fetischisierung und aggressiver Macht <…>

Mascha ist nicht laut. Sie kann nicht mehr auf die Straße gehen, und eine Regenbogenfahne schwenken. Sie kann nicht einmal ihrer Freundin auf der Straße einen Kuss geben. Die Angst ihre Kinder zu verlieren, untersagt öffentlichen Widerstand. Ihr Widerstand ist leiser, aber nicht weniger subversiv. Ihre Waffe sind Wörter. Was sie schreibt, ist auf den ersten Blick meist nicht revolutionär. Es enthält keine direkten politischen Analysen oder Wertungen, sondern handeln ihre Texte vor allen Dingen vom Alltag, Liebe, Verlust und Sehnsucht, in einer Gesellschaft, die Intimität normiert und Abweichungen bestraft. Denn allein ihre Identität, lesbisch, weiblich und frei denkend, macht ihre Existenz bereits zu einer Provokation für einen autoritären Staat wie Russland.

«Für meine studentische Arbeit an der Uni beschäftigte ich mich mit den dem Thema Homosexualität im heutigen Russland. So habe ich Mascha kennengelernt. Da offener Protest im heutigen Russland kaum möglich ist, braucht es Held:innen wie sie, die die Hoffnung nicht aufgeben und im Stillen für eine andere Realität in Russland kämpfen.Meine Heldin ähnelt weder den Märchenfiguren noch den Heldinnen aus den Geschichtsbüchern.

Ich selbst habe viele Freund:innen, die direkt vom «Gesetz gegen die Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen» betroffen sind  und diese Einschränkungen in ihrem Alltag spüren. Ich lebe selbst in Europa und hoffe natürlich, dass sich die Situation in Russland verändern wird und meine Freund:innen eines Tages in einer anderen Realität leben können».

Leona Bronza und Vasya

Anstatt das im Ausland mühsam verdiente Geld zu sparen, gab Wassja Schukow es für alles aus, was ihm gefiel – Dinge, die in seiner Heimat verboten waren. Er kaufte Dinge nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere – er stellte sich all jene vor, die wie er davon träumten, die westliche Kultur kennenzulernen.

Wenn die Arbeitssaison zu Ende war, brachte ihn Juri zurück nach Leningrad – in das, was er selbst sein «graues, graues Leben» nannte.
Dort tauschte oder verkaufte Wassilii den Großteil der Dinge, die er mitgebracht hatte: Zeitschriften, modische Kleidung und Musik – Musik, die die Menschen vor Ort noch nie gehört hatten.

Manchmal fanden sich auch literarische Werke darunter, gelegentlich verbotene – wie «Der Krebsstation» von Solschenizyn oder «Doktor Schiwago» von Pasternak.

Die Geschichte unseres Protagonisten endet abrupt, als er eines Tages – durch einen reinen Zufall – auf der Straße mit zwei verdächtig bunten Schallplatten angehalten wird, die er gerade eintauschen wollte.
Kurz darauf dringt die Miliz in sein Zimmer ein, das bis unter die Decke vollgestopft ist mit allen möglichen verbotenen Gegenständen.

Seit jenem verhängnisvollen Sommerabend im Jahr 1979 verliert sich jede Spur von Wassilii. Wir wissen nichts mehr über sein weiteres Schicksal. Seine Familie in Gorki war fassungslos und innerlich zerrüttet.
Vielleicht ist das Traurigste daran, dass sie sich weniger um Wassjas Leben oder Wohlergehen sorgten, als vielmehr um ihren eigenen Ruf in den Augen der Nachbarn und Freunde – in den letzten Jahren hatten sie kaum noch Kontakt zu ihrem Sohn.

«Ich finde, dass Vassily ein schöner Name ist, jedoch ist sein Nachname noch interessanter. Die Auswahl war kein Zufall, ich weiss sehr gut dass mein Held seinen Nachnamen mit dem berühmten sowjetischen General Georgij Zhukov teilt, und ich wählte den Namen nicht nur weil er «russisch» klingt. Wenn die Menschen um Vasya herum erfahren, dass Zhukov sein Nachname ist, denken sie direkt an ihn. Sie witzeln darüber, ob er mit dem General verwandt sei oder ob er sich für Politik oder das Militär interessiere. Er bekommt auf ein Mal viel mehr Respekt, aber auch Ehrfurcht von seinen Mitmenschen. Vasya gefiel das aber nicht. Er wollte für seinen Namen, nicht seinen Nachnamen berühmt werden, und er verabscheut dass sein Nachname immer in Verbindung mit Krieg oder Militär gebracht wird. Im Ausland fälschte er nur seinen Nachnamen, nicht seinen Vornamen. 

Vasya führt ein Geheimleben, für welches nur er und sein Freund Yura wissen. In dem Leben geniesst er Freiheit, etwas dass er nie in seinem Vaterland verspürt hatte. Er ist nur einer von vielen anderen, die ihr Land verlassen weil sie nicht frei sind, oder wegen ihren Meinungen allein verfolgt werden. Er geniesst die Lebensqualität im Ausland und fühlt sich mehr wie ein Individuum, als nur ein Mann in einer Menge von vielen, die später nur dafür bestimmt sein werden zu arbeiten und fleissig zu sein. Er ist, wie viele andere auch, ein Opfer des Regimes, und niemand weiss ob er es doch geschafft hat, der Hauptstrafe zu entkommen: dem Tod».